Ausschwärmen

Den folgenden Teil  stammt von Imker Eberhard Höfer aus Quedlinburg, der uns den Artikel freundlicherweise zur Veröffentlichung überlassen hat.

Jedes Jahr das Selbe, der Nachbar meldet sich beim Imker und deutet mit dem Daumen in Richtung seines Apfelbaums: "da oben hängt ein Schwarm von dir". Das ist für den Imker immer ein etwas unangenehmer Augenblick, weil er feststellen muss, dass sich eines seiner Völker auf die Wanderschaft begeben hat und damit für den Rest des Jahres keinen Honig mehr eintragen wird. Für die Bienen ist das Schwärmen die natürliche Form der Vermehrung und dient der Erhaltung ihrer Art. Die Mehrzahl der Bienen eines Volkes "tankt" an einem warmen Vormittag einen Futtervorrat auf und zieht mit der Königin aus der Beute aus. Zuerst bildet sich eine dichte Wolke, die in der Nähe des Bienenstandes kreist und schließlich an einem Ast zur Ruhe kommt. Die Traube kann im Extremfall ein Gewicht von über 2 kg erreichen und enthält dann ungefähr 20.000 Bienen. Mittendrin, da wo es am wärmsten ist, sitzt die Königin, die von den Arbeitsbienen sorgfältig beschützt wird. Wenn die Bienen einmal ausgeschwärmt sind, kommen sie nicht wieder zu ihrer alten Behausung zurück - sie haben "vergessen", wo sie bisher gelebt haben. Der Schwarm schickt Suchbienen aus, die sich nach einer neuen Unterkunft umsehen. Ideal sind hohle Baumstämme, die heute leider sehr selten geworden sind und deshalb ziehen die Schwärme auch in Mauerhöhlungen, Luftschächte oder Zwischenböden in alten Häusern ein. Im Stock zurück bleiben die jungen Bienen, die noch nicht geschlüpfte Brut und die Futtervorräte. Die Daheimgebliebenen ziehen sich eine junge Königin heran und organisieren einen neuen Bienenstaat.

Der Imker kann in der Regel vorher erkennen, ob die Bienen in Schwarmstimmung geraten. Wenn die Königin kaum noch Eier legt, wenn Weiselzellen, in denen neue Königinnen heranwachsen im Bau zu finden sind, dann muss er einschreiten, wenn er seine Völker behalten und seine Ernte sichern will. Aber trotz aller Sorgfalt rutscht auch dem versiertesten Bienenhalter hin und wieder ein Schwarm durch und hängt dann beim Nachbarn im Apfelbaum. Dort kann er leicht eingefangen werden: Ein kräftiger Schlag auf den Ast befördert die Bienen in einen Kasten, die herabstürzenden Bienen bilden ein sanftes Auffangnetz für die mitten unter ihnen sitzende Königin. Sie wird bald die frisch am Kastendeckel ausgebauten Wachszellen mit Eiern "bestiften" und damit für neue und gesunde Nachkommen sorgen.

Es besteht überhaupt kein Grund, sich vor einem Bienenschwarm zu fürchten. Das von einem Schwarm ausgehende kräftige Brausen und die mit Insekten gesättigte Luft machen einen bedrohlichen Eindruck, das Ganze ist aber in der Regel eine harmlose Veranstaltung. Die Bienen sind bis auf seltene Ausnahmen als Schwarm friedlich und greifen nur an, wenn sie attackiert werden. Killerbienen gibt es bei uns nicht. Die spektakulären Berichte im Fernsehen stammen ausnahmslos aus Amerika oder Afrika.

Sollte sich in Ihrem Garten oder in Ihrer Nähe ein Schwarm niederlassen, dann informieren Sie einen Imker oder rufen Sie bei der Polizei an. Dort kennt man die Adressen von Imkern, die den Schwarm einsammeln.

 Eberhard Höfer

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